Friedensnobelpreis 1991: Aung San Suu Kyi


Friedensnobelpreis 1991: Aung San Suu Kyi
Friedensnobelpreis 1991: Aung San Suu Kyi
 
Das Nobelpreiskomitee zeichnete die birmanische Bürgerrechtlerin als Anführerin der Bewegung für Menschenrechte und die Wiedereinführung der Demokratie in Birma aus.
 
 
Aung San Suu Kyi, * Rangun (Hauptstadt des früheren Birma und der heutigen Union Myanmar) 19.6.1945; 1960-67 Studium der Philosophie, Politik und Volkswirtschaft an den Universitäten Delhi (Indien) und Oxford (England), 1969-71 Sekretärin bei der UNO in New York, 1972-88 Aufenthalte in Bhutan, Großbritannien, Japan und Indien, 1988 Rückkehr in ihr Heimatland und Gründung der National League for Democracy (NLD), 1989-95 unter Hausarrest.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Aung San Suu Kyi war gerade erst zwei Jahre alt, als ihr Vater in der Nacht zum 20. Juli 1947 ermordet wurde. U Aung San, den die Birmanen bis heute »Bogyoke« (»großer General«) nennen und als Vater der Nation verehren, hatte schon als Student gegen die britische Kolonialmacht demonstriert und nach dem Zweiten Weltkrieg in zähen Verhandlungen mit den Briten die Unabhängigkeit für sein Land gewonnen. Doch bevor Birma unabhängig wurde, kamen Aung San und sechs seiner engsten Mitarbeiter bei einem Attentat um.
 
Als Auftraggeber der Mordtat gilt U Saw, Kopf der Myochit-Partei, der noch zusammen mit Aung San in London die Verhandlungen über die Unabhängigkeit geführt, sich aber dann geweigert hatte, den Vertrag zu unterzeichnen, weil Aung San den Briten seiner Ansicht nach zu weit entgegen gekommen war.
 
Die von Suu Kyis Vater gegründete Anti-Fascist People's Freedom League (AFPFL) ging zwar aus den ersten Parlamentswahlen als klarer Sieger hervor, blieb auch über den Tod Aung Sans hinaus im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit die führende politische Kraft im Land, zerfiel dann jedoch in mehrere verfeindete Gruppen. Hinzu kamen seit dem ersten Tag der Unabhängigkeit Aufstände ethnischer Minderheiten, die während der Kolonialzeit weitgehend selbstständig gewesen waren und nun innerhalb der Union ihre alten Rechte wieder einforderten.
 
Schließlich wurde die politische Lage im Land so kritisch, dass Premierminister U Nu im Jahr 1958 den General U Ne Win, einen alten Kampfgenossen Aung Sans, bitten musste, die Regierung kurzfristig zu übernehmen und die Voraussetzungen für Neuwahlen zu schaffen. Einmal an die Macht gekommen, gaben die Militärs sie nicht wieder her und beherrschen seither das südasiatische Land.
 
 »Für Recht und Ordnung«
 
Aung San Suu Kyi erlebte den Wandel Birmas von einer parlamentarischen Demokratie zur Militärdiktatur im Ausland mit. Ihre Mutter Daw Khin Kyi, eine angesehene Diplomatin, wurde 1960 zur Botschafterin in Indien berufen, wo die Tochter studierte und dabei erstmals die Philosophie Mahatma Gandhis kennen lernte. Sie war von seinen Idealen des gewaltlosen Widerstands fasziniert, ergänzte sie später bei ihrem Studium in Großbritannien durch westliche Ideen von Freiheit und Gleichberechtigung, hatte jedoch zunächst kaum Einfluss auf die Entwicklung in ihrer Heimat, da sie Birma nur unter strengen Auflagen besuchen und sich dort nicht politisch betätigen durfte.
 
Der Entschluss, aktiv zu werden und das Land im Sinne ihres Vaters wieder zurück zur Demokratrie zu führen, dürfte wohl erst 1985/86 während eines Gaststudiums an der Universität von Kyoto in Japan gereift sein. 1988 erhielt sie die Erlaubnis, nach Birma zurückzukehren, um ihre todkranke Mutter zu pflegen. Im selben Jahr kam es dort in Yangon, Mandalay, Mawlamyine und vielen anderen Städten zu Arbeiter- und Studentendemonstrationen, die U Ne Win zum Rücktritt zwangen, dann aber im September 1988 von den Truppen des Generals Saw Maung blutig niedergeschlagen wurden. Tausende unbewaffneter Demonstranten kamen dabei um.
 
Der von Saw Maung eingesetzte Staatsrat erhielt den Namen State Law and Order Restoration Council (SLORC), was so viel wie Staatsrat zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung bedeutet — blanker Hohn angesichts der zahllosen Rechtsverletzungen, deren sich die herrschenden Militärs in den folgenden Jahren schuldig machten. Aung San Suu Kyi, die nach ihrer Rückkehr mit Gleichgesinnten die National League for Democracy (NLD) gegründet hatte und das Amt der Generalsekretärin dieser nationalen Liga für die Rückkehr zur Demokratie übernahm, bekam den Zorn der Machthaber bald zu spüren. Da sie als Tochter des birmanischen Nationalhelden nicht wie zahllose andere Parteimitglieder der NLD einfach eliminiert werden konnte, stellte man sie unter jahrelangen Hausarrest. In diese Zeit der erzwungenen Isolation fielen im Mai 1990 die ersten freien Wahlen nach 30 Jahren. Sie brachten einen erdrutschartigen Sieg für die NLD und andere Oppositionsparteien, das gewählte Parlament darf jedoch bis heute nicht zusammentreten.
 
 »Eine stolze Sammlung bemerkenswerter Siege«
 
Frei übersetzt bedeutet der Name der Friedensnobelpreisträgerin von 1991 »eine stolze Sammlung bemerkenswerter Siege«. In der Tat kann Aung San Suu Kyi auf ihre Erfolge im Kampf um die Demokratisierung der Union Myanmar stolz sein, denn sie wurden, wie das Osloer Nobelpreiskomitee in seiner Laudatio hervorhob, allein durch gewaltlosen Widerstand errungen und zeigen darüber hinaus ein ungewöhnliches Maß von Zivilcourage. Die Bewegungsfreiheit der birmanischen Oppositionspolitikerin ist auch nach dem Ende des Hausarrests bis heute stark eingeschränkt, es gelingt Aung San Suu Kyi jedoch immer wieder, die Weltöffentlichkeit auf die Lage in ihrem Land aufmerksam zu machen und ihre Standfestigkeit unter Beweis zu stellen, etwa im Juli 1998, als sie auf dem Weg zu einem Treffen mit Parteikollegen von Soldaten gestoppt und zur Rückkehr nach Yangon aufgefordert wurde. Sechs Tage lang harrte die zierliche Frau im Auto aus, bevor man ihren Widerstand brach und sie mit Gewalt nach Hause brachte.
 
Unter dem Eindruck internationaler Proteste und Sanktionen signalisiert die Militärjunta inzwischen die Bereitschaft zu gewissen Reformen und hat vielleicht auch durch die Umbenennung des Staatsrates in State Peace and Development Council (SPDC) neue friedensverheißende Zeichen gesetzt. Auf der anderen Seite geht das Regime nach wie vor mit äußerster Härte gegen die Opposition vor, hunderte von Mitgliedern der NLD werden alljährlich zum Austritt aus der wichtigsten Oppositionspartei gezwungen, verhaftet und jahrelang ohne rechtsgültiges Urteil eingekerkert, was bei den katastrophalen Zuständen in den birmanischen Gefängnissen nicht selten einem Todesurteil gleichkommt. In regelmäßigen Abständen wird auch Aung San Suu Kyi von der Regierung die freie Ausreise in ein Land ihrer Wahl angeboten — die Friedensnobelpreisträgerin lehnt jedoch stets ab und erklärt dafür ihrerseits die Bereitschaft zu einem »konstruktiven Dialog« über die Probleme der Union Myanmar.
 
P. Göbel

Universal-Lexikon. 2012.

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